W A N N K O M M T D E R T A G A N D E M F R A U E N
an dem Frauen was? ... sich ohne Angst bewegen können in der Nacht? ... endlich sagen: JETZT REDE ICH? ... alleine auf Reisen gehen? ... die Verfügungshoheit über ihren Körper haben? ... frei sind – überall auf der Welt?
In Verena Stefans Buch «Häutungen» (1975) schiebt die junge Erzählerin die Buchstaben zusammen. DER TAG IST DA: Sie häutet sich wie eine Schlange und gleitet in ein neues Leben. Sie wendet sich von der Liebe zu Männern ab und der Liebe zu Frauen zu. Sie erkundet ihren Körper und untersucht patriarchale Strukturen in der Gesellschaft. Das Buch bietet intime Einsichten ins weibliche Innere und vereint das Allerprivateste mit dem Gesellschaftlichen. «Häutungen» ist die Geschichte einer Emanzipation und es ist die Suche nach einer Sprache für das eigene Erleben.
Das Buch war bei seinem Erscheinen 1975 ein Ereignis: Es wurde zum Kultbuch der Neuen Frauenbewegung, eine ganze Generation deutschsprachiger Frauen las es, und bis 1980 wurden über 200 000 Exemplare verkauft. Wie aktuell das Buch heute noch ist und wie inspirierend für jetzige Leserinnen und Autorinnen, haben die vielen Jubiläums-Veranstaltungen im 2025 gezeigt: 50 Jahre «Häutungen».
Wie erging es Verena Stefan mit dem Buch? 1975 wurde sie mit einem Schlag zu einer öffentlichen Person: «Etwas ist VOR Häutungen gewesen oder NACH Häutungen. Nichts ist mehr, wie es gewesen ist.», schreibt sie im Vorwort zur Neuauflage 1994: «Häutungen ist die Geschichte eines Buches, das sich ereignet hat. […] Für mich ist es vor allem die Geschichte der Autorin, die ich geworden bin.»
Etwa zur selben Zeit, Mitte der 1990er Jahre habe ich «Häutungen» zum ersten Mal gelesen. Ich war kaum zwanzig, eine feministische Studentin, und das Buch traf mein Lebensgefühl kein bisschen. Jedenfalls habe ich es damals nicht fertig gelesen, meine Randnotizen versiegen bald, ich muss einiges überblättert haben. Mein Herz schlug damals für Elfriede Jelinek, die Schärfe ihrer Texte entsprach mir mehr. Im Rückblick frage ich mich, ob das auch mit dem Sexismus der 1990er Jahre zu tun hatte? Es war die Zeit, als Kritiker noch von «Fräuleinwunder» sprachen und Autorinnen meinten. Der Begriff «Frauenliteratur» hatte einen negativen Beigeschmack, so wurden Texte abqualifiziert, die nicht in gängige männliche Raster passten. Jetzt bin ich fünfzig und weit weg von der Lebensphase, die die junge Protagonistin durchläuft. Doch beim Wiederlesen gefällt mir das Buch. Phasen der Häutungen gibt es wohl mehrere im Leben, und so auch Zeiten, in denen dieses Buch etwas zum Schwingen bringt. Sätze graben sich ein und hallen nach, so sehr, dass ich endlich die Autorin kennen lernen will, die sie geworden ist.
Wie recht Verena Stefan hatte: «Häutungen» war nur der Startschuss. Was für eine Entdeckung sind die Werke, die nach dem Erstling folgten. Am eindringlichsten finde ich «Fremdschläfer» (2008), ein vielschichtiges Buch über Migration und Fremdheitserfahrungen. Voller Gedanken, was es bedeutet, zwischen den Sprachen zu sein, die eigene schriftstellerische Berufung zu leben, in einem Land, wo nicht einmal die eigene Partnerin ihre Texte versteht. Im Zentrum steht der eigene Körper, die Krebserkrankung, die 2002 erstmals diagnostiziert wurde und an der sie 2017 stirbt. Sie schreibt sinnlich und zugleich beobachtet sie von aussen ihren Körper, die Behandlungen und Prozeduren. Trotz der Schwere geht etwas enorm Heilsames von ihren Texten aus. Auch von ihrem letzten Memoir «Memory of Running: Living with Cancer 2012–2016». Es ist das einzige Buch, das Stefan auf Englisch geschrieben hat. Im Original bis heute unveröffentlicht, ist es postum auf Deutsch erschienen mit dem Titel «Ein Riss im Stoff des Lebens» (Nagel & Kimche 2021, übersetzt von Anke Caroline Burger). Es geht darin um buchstäblich alles: das Leben und Sterben, das sich im Zyklus der Natur verdichtet, im Wachsen, Blühen und Vergehen der Pflanzen. Verena Stefan war als Sprachkünstlerin und Gärtnerin mit dem Leben verwachsen. Die Autorin Esther Spinner schreibt in einem Brief vom 28. April 2025 an die verstorbene Freundin:
«Liebe Vera […] Wer bist du, Vera, jetzt, wo du nicht mehr bei uns bist? Schon jahrelang müssen wir leben ohne dich, finden dich höchstens im Garten, die Hände voller Erde, während wir pflanzen und hacken und die Regenwürmer verschonen. Und wir finden dich in deinen Büchern, in deiner Sprache. Doch Antworten kommen von dir keine mehr.»
Verena Stefan Verena Stefan, 1947 in Bern geboren, lebte nach der Matura in Berlin, wo sie als Physiotherapeutin arbeitete und sich in der Neuen Frauenbewegung engagierte. Mit ihrem Erstling «Häutungen», der 1975 im Verlag Frauenoffensive erschien, wurde sie international bekannt. 2000 übersiedelte sie zu ihrer Partnerin nach Montréal (Kanada). In ihrem Werk vereinen sich autobiografische Themen, Nature Writing und poetologische Reflexionen. Sie starb nach langer Krebserkrankung 2017 in Montréal.
Beitrag von Christa Baumberger, publiziert im Litar-Blog (15.08.2026).
Am 04.07.2026 fand bei Litar eine Femmage an die Autorin Verena Stefan (1947–2017) und ihren Garten in Kanada statt. Mit Lesung und Gespräch der Autorin Esther Spinner und Übersetzerin Anke Caroline Burger aus Stefans Memoir «Ein Riss im Stoff des Lebens» (Nagel & Kimche 2021).
Weiterlesen: Verena Stefan: Ein Riss im Stoff des Lebens. Ins Deutsche übersetzt von Anke Caroline Burger. Zürich, Nagel & Kimche 2021 Verena Stefan: Fremdschläfer, Zürich, Ammann 2007 Esther Spinner: Codewort: Wörtelein, WOZ, Nr. 42, 16.10.2025